Nächster Beitrag
Interview mit Oliver Schnetzer
17.03.26

Interview mit Christoph Thun-Hohenstein – Kunst & Klima Werkstätte GmbH

Interviewreihe mit CEOs FOR FUTURE Beirät:innen

Christoph Thun-Hohenstein ist Jurist, Diplomat, Kunstmanager und Publizist. Aktuell ist er Künstlerischer Leiter der von ihm 2025 initiierten Zukunftsplattform ReGenerativa. Von 2011 bis 2021 war er Generaldirektor des MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst. Er gründete die Vienna Biennale for Change, die er bis 2022 leitete. Zudem initiierte er die Vienna Climate Biennale und ist Vorsitzender ihres Advisory Boards. Von 2022 bis Februar 2025 leitete er die Sektion für internationale Kulturangelegenheiten im Außenministerium. Nach diplomatischen Einsätzen in Abidjan, Genf und Bonn prägte er ab 1993 maßgeblich den EU-Beitritt Österreichs mit. Von 1999 bis 2007 leitete er das Österreichische Kulturforum in New York.

Frage 1: Welche konkreten Hebel siehst du, um die Transformation von Wirtschaft & Gesellschaft in Richtung Regeneration zu entwickeln?

Regeneration ist ein radikaler Mindset-Change: Sie bedeutet, Leben in all seinen Ausprägungen zu fördern und die Zukunft nicht gegen die Natur, sondern im Einklang mit ihr zu gestalten, einschließlich der „Heilung“ bereits beschädigter Ökosysteme. Die allerschönste Qualität von Regeneration ist, dass sie auf Imagination, Kreativität und Innovation baut. Ein zentraler Hebel für die Verankerung eines regenerativen Mindset sind daher die Vorstellungskraft und der Ideenreichtum von Kunstschaffenden verschiedener Sparten, von der bildenden Kunst über Film, Literatur, Musik und darstellende Künste bis zu den angewandten Disziplinen Design, Mode und Architektur.

Der vermutlich allerwichtigste Hebel und wirkliche Gamechanger in der Breitenwirkung von Regeneration in Wirtschaft & Gesellschaft wird allerdings Künstliche Intelligenz und künftige Superintelligenz sein – wenn wir sie richtig einsetzen! Das ist ein großes Wenn, zumal wir die Verantwortung für die Zukunft unserer Zivilisation in einer mehr-als-menschlichen Welt nicht einfach an intelligente Maschinen abtreten können und überdies die dringend erforderliche Minimierung des ökologischen Fussabdrucks von KIs noch einen steilen Weg vor sich hat. Wenn wir es aber schaffen, KIs zu nicht-fossilen, sondern erneuerbar agierenden „Regenerationsfreaks“ zu machen, die in Teamintelligenz, Teamimagination und Teamkreativität mit uns Menschen sowie mit der Natur und anderen Spezies zusammenarbeiten, wird die Regenerative Wende gelingen, nicht nur in Europa, sondern in weiten Teilen der Welt.

Ein wesentlicher Teil dieser Vision ist die Regeneration einer breiten Mitte in Wirtschaft & Gesellschaft, die eine gemeinschaftliche Aufbauarbeit vorantreibt und damit zugleich der liberalen Demokratie neues Leben einhaucht.

Frage 2: Wie können sich Unternehmen bei der derzeitigen geopolitischen Situation dabei einbringen?

Ohne die Mainstream-Wirtschaft kann weder die nachhaltige noch die darüber hinausgehende regenerative Transformation umgesetzt werden. Umgekehrt wäre es wirtschaftlich fatal, wenn sich Unternehmen an überholten fossilen Geschäftsmodellen festklammern, denn sie werden dafür über kurz oder lang einen hohen Preis bezahlen.

Regeneration verbindet zwei Dimensionen, die bisher als unvereinbar galten: Sie ist wie erwähnt ein radikaler Mindset-Change, ermöglicht aber zugleich Transformation mit Augenmaß. Die hohe Kunst der Regeneration besteht darin, ein starkes neues Mindset mit einer fairen – aber keinesfalls unbegrenzten – Umsetzungsflexibilität zu verknüpfen. Augenmaß meint Besonnenheit, Umsicht, Realitätssinn. Transformation mit Augenmaß verlangt den Blick aufs Ganze, also die ganzheitliche Analyse, wie sich ein Wirtschaftssektor im Kontext von Gesamtwirtschaft und Gesellschaft möglichst regenerativ weiterentwickeln kann und welche Schritte der verschiedenen Akteure dafür erforderlich sind. Biologische und technische Kreisläufe spielen auch im Konzept der Regeneration eine Schlüsselrolle, allerdings – im Unterschied zum herkömmlichen Verständnis der Kreislaufwirtschaft – geleitet vom holistischen regenerativen Mindset. Regeneration ist als Zukunftskonzept umso effektiver, je mehr es die wirtschaftliche Machbarkeit der Transformationsschritte berücksichtigt, statt in einem schwierigen globalen wirtschaftlichen Umfeld unerfüllbare Forderungen zu stellen. Denn regenerative Angebote von Unternehmen müssen auch nachgefragt werden, umgekehrt kann eine regenerative Nachfrage zur Erweiterung regenerativer Angebote anspornen.

Unternehmen können sich in die regenerative Transformation einbringen, indem sie die aktuellen geopolitischen Verwerfungen als Jahrhundertchance für die eigene regenerative Ausrichtung nützen. Die bestehenden Systeme Generativer Künstlicher Intelligenz, vor allem aus China (!), bieten dafür hervorragende Möglichkeiten, insbesondere auch für Unternehmen in Europa. Denn für die Regeneration gilt ganz besonders, was kein geringeres Magazin als The Economist (January 24th, 2026, 9 und 53) generell festgehalten hat: „Europe’s DeepSeek moment … It can still win the race to apply AI.“

Frage 3: Welche Rolle können junge Menschen bei der Regeneration übernehmen – und wie lassen sich ihre Potenziale besser einbinden?

Menschen, die seit 2000 geboren wurden, haben zumindest im Globalen Norden exzellente Aussichten, im Jahr 2100 in robuster Gesundheit zu leben. Doch noch nie zuvor war angesichts des Klimawandels und der rasanten KI-Entwicklungen die persönliche Zukunft so eng mit der Zukunft der Menschheit und der Erde verwoben. Wenn aber der unendlich entfernt erscheinende Zeithorizont 2100 so viele Mitmenschen betrifft, die heute schon auf der Welt sind, gibt es überhaupt keine Ausrede mehr, bei Zukunftsgestaltung nur an die nächsten Jahre zu denken. Es existiert aber nur ein Konzept, das sich als Wegweiser für die Gegenwart und die nächsten fünf Jahre genauso gut eignet wie für ein Dreivierteljahrhundert in die Zukunft: Regeneration. Denn eine positive Zukunft ist nur mit dauerhaft tragfähigen Geschäftsmodellen und Lebensweisen möglich.

Daher brauchen wir dringend einen alle Generationen umfassenden Dialog in Wirtschaft & Gesellschaft, wie wir uns regenerative Zukunftsszenarien bis 2100 vorstellen. Genau das ist einer der Hauptgründe für die von mir initiierte Schaffung der neuen Zukunftsplattform ReGenerativa (https://www.regenerativa.eu): die konstruktive Zusammenarbeit aller Generationen!

Fotocredit: Sabine Hauswirth/MAK

Themen

Allgemein Beirat Interviews

Tags

Beirat C4F CEOs FOR FUTURE Christoph Thun-Hohenstein Interview

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Interview mit Nebojša Nakićenović – Energieökonom und Nachhaltigkeitsforscher
Interview mit Oliver Schnetzer
Interview mit Christoph Thun-Hohenstein – Kunst & Klima Werkstätte GmbH
Facebook
Twitter
LinkedIn
WhatsApp
Email
Print